Regionales Grundbildungszentrum Oldenburg an der Volkshochschule Oldenburg e.V.

Aktivitäten: Family Literacy als aufsuchende Bildungsarbeit

Die Familie gilt als einflussreichste Instanz für den Erwerb der Schriftsprache. Besonders in den ersten Lebensjahren ist es für Kinder wichtig, schriftliche Medien als selbstverständliche Elemente des familiären Alltags zu erleben und positive Erfahrungen mit Schrift in der Familie zu machen.
Family Literacy ist ein generationsübergreifender Ansatz zur Förderung literaler Kompetenzen in der Familie und gilt als hochwirksame präventive Maßnahme gegen Analphabetismus. Family Literacy-Projekte bringen Schriftkultur in Familien. Eltern bekommen Informationen und Materialien, um schriftbezogene Aktivitäten in der Familie umzusetzen und ihren Kindern positive Erfahrungen mit Büchern, Buchstaben und Schrift zu ermöglichen. Sie werden ermutigt, sich diese Aufgabe zuzutrauen, auch wenn sie selbst noch Schwierigkeiten mit Sprache oder Schrift haben.
Viele Studien belegen die hohe Wirksamkeit solcher Angebote in Bezug auf den Lernerfolg der Kinder und die Weiterbildungsquote der Eltern. Die VHS Oldenburg entwickelt im Rahmen des Regionalen Grundbildungszentrums (RGZ) seit 2012 Family Literacy-Konzepte und Lernmaterialien.

Bilderbuchprojekt
Das Gestalten eines Bilderbuches für das eigene Kind - mit Familienfotos, Bildern aus Zeitschriften und Texten in der jeweiligen Muttersprache - soll einen niedrigschwelligen Zugang zum Thema „Vorlesen“ schaffen und in den Familien den emotionalen Bezug zum Buch stärken. Seit vier Jahren läuft das beliebte Bilderbuch-Projekt in allen Stadtteiltreffs in Oldenburg. Hier treffen sich verschiedene Eltern-Kind-Gruppen, zum Beispiel die Griffbereit-Gruppen für Mütter mit Migrationshintergrund, Spielgruppen oder das Cafe mit Bobby Car. Auch in Flüchtlingswohnheimen gibt es Mutter-Kind-Gruppen, die regelmäßig besucht werden. Das Bilderbuch-Projekt ist ein prima „Türöffner“ in die Gruppen. Es bietet Gelegenheit, um mit Eltern über das Thema Leseförderung in der Familie ins Gespräch zu kommen. In vielen Familien gibt es keine Bücher, weil die Eltern nicht lesen können oder kein Geld dafür da ist. In den Gesprächen werden die Eltern ermutigt, mit ihren Kindern Bücher anzuschauen und in ihrer Muttersprache über die Bilder zu sprechen oder Geschichten zu erzählen.
Der Zugang zu Bildungsangeboten ist für diese Mütter meist schwierig, weil sie sich ganztags um ihre kleinen Kinder kümmern müssen. Aus einer Sammlung gut erhaltener Bilderbücher (Spenden) bekommt jede Familie Bücher für zu Hause geschenkt.

Mehrsprachige Vorlesenachmittage
In Kooperation mit dem Projekt Mekibü (mehrsprachige Kinderbücher) werden im Stadtteiltreff mehrsprachige Vorlesenachmittage für Familien angeboten (Deutsch-Persisch). Das Vorlesen findet in der Herkunftssprache der Familien sowie auf Deutsch statt. Zu den vorgelesenen Geschichten gibt es gemeinsame Aktionen mit Kindern und Eltern, die sich auf die jeweilige Geschichte beziehen, zum Beispiel Kreativangebote und Spiele. Ziel ist, dass Kinder und Eltern gemeinsam Freude an Geschichten und Büchern erleben und das Vorlesen oder Bücher anschauen mehr in den Familienalltag einbeziehen. Die Wertschätzung der Muttersprache der Familien ist dafür eine wichtige Voraussetzung. Während der Nachmittage wird mit den Eltern über den Umgang mit Mehrsprachigkeit und das Vorlesen in der Familie gesprochen. Die Eltern tauschen sich außerdem über Lern- und Unterstützungsangebote in ihrer Umgebung aus. (Elterntreffs, Deutschkurse, Kinderbetreuung, Stadtteilbibliothek). Das Angebot kommt bei den Familien sehr gut an. Mehrsprachige Vorlese-nachmittage sind abwechslungsreiche Family Literacy-Angebote für die ganze Familie. Die Teilnehmergewinnung ist jedoch aufwändig.

Die Broschüren „Fit für die Schrift“ und „Jeden Tag ein Bilderbuch“
Im Projekt wurden anschauliche Informationsmaterialien für Eltern entwickelt. Die Broschüren „Fit für die Schrift“ und „Jeden Tag ein Bilderbuch“ informieren Eltern über die Bedeutung des Vorlesens und geben Anregungen für das vorschulische Lernen in der Familie.family literacy Die Materialien sind vielfältig einsetzbar in Alphabetisierungs-kursen, Lerncafés, Elternkursen, Kitas oder in der aufsuchenden Bildungs- und Sozialarbeit mit Müttern und Vätern. Beide Hefte sind in einfacher Sprache geschrieben. Die Broschüre „Jeden Tag ein Bilderbuch“ ist mehrsprachig in Deutsch, Arabisch, Englisch, Persisch und Französisch. Die Broschüren sind zum Selbstkostenpreis (30 Cent pro Stück) erhältlich unter www.abc-projekt.de/famlit - bzw. stehen zum kostenlosen Download bereit.

Der Mütter-Kurs „Lernen in der Familie“
Der kostenlose Kurs „Lernen in der Familie“ wurde einmal wöchentlich am Vormittag angeboten. Die teilnehmenden Mütter waren überwiegend Frauen mit schwierigen Bildungsbiografien und verschiedenen sozialen und emotionalen Problemlagen. Die Hälfte der Teilnehmerinnen hatte einen Migrationshintergrund. Alle Teilnehmerinnen wurden durch persönliche Ansprache für die Teilnahme am Kurs motiviert. 
Die zentralen Themen im Kurs waren die Bildungsbiografien der Mütter, das Vorlesen in der Familie, der Umgang mit Mehrsprachigkeit, die vorschulische Entwicklung der Kinder u.a. Zu den Themen gab es jeweils kurze Sachinformationen durch die Kursleiterin, einen Erfahrungsaustauch in der Gruppe sowie praktische Übungen. Zusätzlich wurden Informationsmaterial mit Alltagstipps, Bilderbücher und Lernspiele an die Teilnehmerinnen ausgegeben und so vorschulische Aktivitäten in den Familien angeregt. Einen ausführlichen Erfahrungsbericht finden Sie unter http://abc-projekt.de/famlit

Workshops, Vorträge und Informationsgespräche für Multiplikatoren
Für Erzieherinnen, Familienhelferinnen, Logopädinnen, Sozial- und Heilpädagogen, Alphabetisierungspädagoginnen, Integrationslotsen, Bibliothekarinnen … gibt es Workshops und Informationsveranstaltungen zum Thema Family Literacy. Die Veranstaltungen richten sich inhaltlich und zeitlich an den Bedürfnissen und Möglichkeiten der Mitarbeiter aus. Schwerpunktmäßig werden folgenden Themen berücksichtigt:

  • Schwierigkeiten mit der Schrift in Deutschland (Fakten, Zahlen, Erfahrungsberichte von Betroffenen)
  • Die Rolle der Familie beim Schriftspracherwerb (bebilderter Kurzvortrag)
  • Family Literacy (Praxisbeispiele aus aller Welt)
  • Konzepte, Erfahrungen und Materialien aus dem Oldenburger Family Literacy-Projekt
  • Family Literacy-Aktivitäten für Kitas
  • Entwicklung von Family Literacy-Ideen im jeweiligen Tätigkeitsbereich der Teilnehmerinnen
    Menschen, die mit Familien arbeiten, sind wichtige Multiplikatoren. Sie bringen die Family Literacy-Idee in ihre Einrichtungen und setzen Lese-Projekte mit Eltern und Kindern.

Offene Lernwerkstatt im Stadtteiltreff Kreyenbrück
Seit August 2017 gibt es die Lernwerkstatt im Stadtteiltreff – jeden Mittwochnachmittag. Die Lernwerkstatt ist offen für unterschiedliche Zeiten und Lernbedürfnisse. Jede und jeder ist willkommen. Die Lernenden erhalten je nach individuellem Lernstand passende Lernmaterialien, sie können selbst aussuchen, womit sie arbeiten wollen. Auch Lernmaterial auf Tablets wird angeboten. Die Menschen werden beim Lernen individuell begleitet und unterstützt. Das Angebot wurde von Anfang an gut angenommen. Jeweils zwischen zehn und vierzehn Teilnehmer besuchten die Lernwerkstatt – Menschen aus Eritrea, Irak, Slowakei, Syrien, Somalia, Russland und der Türkei. Fast alle Lernenden sind Frauen, darunter Mütter, die ihre Kinder zur Lernwerkstatt mitbringen.